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InterRegio - 16 Uhr 15 ab Saarbrücken

Er merkte, wie sich der Zug langsam in Bewegung setzte. Endlich verließen sie die Stelle, an der der Interregio hatte verharren müssen, um einem Bummelzug - der Regionalbahn von Koblenz nach Luxemburg - die Durchfahrt zu ermöglichen. Theoderich vermisste nicht den Blick auf die Büsche und die Natursteine, die er lange genug hatte ertragen müssen. Erleichtert betrachtete er, wie sie nun wieder an ihm vorbeizogen und den Blick auf die Weinberge und Berghänge auf der anderen Seite der beschaulich glänzenden Mosel wieder freigaben. Hinaus blickte er in die nicht enden wollenden Landstriche, nur unterbrochen von einigen Schlösschen und Kirchen, in den sanften Pastelltönen angestrichen, die er sonst so überhaupt nicht leiden konnte.

Leichte Enttäuschung kam in ihm hoch, als sich der Gleisverlauf änderte, um nunmehr durch ein Moseldörfchen zu führen. Diese Häuser übten auf ihn keinen Reiz aus. Doch ganz vermochte ihm dies seine gute Stimmung nicht zu nehmen. Er fand Wohlgefallen an dem Schnee auf den sonst schwarzen Dächern und ignorierte den grauen Schneematsch auf den auch sonst grauen Bürgersteigen darunter. Längst war es dunkel geworden. Ihm war heiß. Die Heizung im Abteil ließ sich mit einem Handgriff einige Stufen niedriger stellen und das Fenster sich öffnen. Die Hände fest die Griffe des aufgeschobenen Fensters umklammernd, blickte er hinaus in die klare Mondnacht.

Als er sich wieder auf seinen Fensterplatz setzen wollte, schaute er in ein Paar wunderhübsche, tiefbraune Augen, die auf dem gegenüberliegenden Sitz Platz genommen hatten. So dunkle Augen hatte er nie zuvor gesehen. Ohne es zu merken, verlor er sich in ihnen.
"Entschuldigen Sie", vernahm er ihre Stimme. "Der Platz war doch nicht besetzt, oder?"
Wie genoss er den Klang dieser lieblichen Stimme, die ihn aus anderen Sphären anzurufen schien, bis er bemerkte, dass wohl nur er gemeint sein könnte, da er ansonsten allein im Abteil war, dass noch ein Gesicht zu Augen und Stimme gehörte und er wohl besser antworten sollte.

"Nein, nein!", hörte er sich dann selber sagen. "Der Platz war frei. Zu frei, wenn sie mich fragen."
Sie lächelte, als fühlte sie sich geschmeichelt. 'Hübsch sieht auch ihr Gesicht aus', dachte Theoderich bei sich. Sie hatte sehr helle Haut, fast bleich. Doch auch von ihren bleichrosafarbenen Lippen hatte ihr Lächeln eine Wirkung, die ihn wohlig erschaudern ließ.

Keine Jacke schien sie dabei zu haben. Nur einen pinkgrapefruitfarbiges gebatictes Sweatshirt trug sie, Jeans und helle Turnschuhe.
"Ich war vorhin in einem anderen Abteil", antwortete sie auf seine nicht gestellte Frage. "Doch den anderen Fahrgästen war meine Anwesenheit nicht angenehm, und das schmerzte mich."
"Das kann ich gar nicht nachvollziehen", meinte Theoderich. "Ich jedenfalls freue mich über ihre Gesellschaft."
Er glaubte, eine leichte Errötung bei ihr zu bemerken. Nur ein wenig, blassrosa, kaum zu sehen. Aber ihr farbloses Gesicht bekam einen leichten Anstrich.

Die Schaffnerin ging an dem Abteil vorbei, blickte kurz durch die verglaste Tür und setzte ihren Weg fort.
"Meine Karte will mal wieder keiner sehen", erzählte er mit beleidigtem Unterton.
"Das Leben ist hart, aber wenigstens ist es ungerecht", ein Grinsen befing ihr Gesicht. "Aber meine hat sie sich auch nicht angesehen."
"Wir sind halt uninteressant", lachte Theoderich. Er lehnte sich zurück in seinen Sitz und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf. Als er die Augen wieder öffnete, bemerkte er, dass sie ihn sehr innig ansah. Sie erschrak, als ihr auffiel, entdeckt worden zu sein und senkte ihren Blick. Dann hob sie wieder den Kopf und sich selbst aus dem Sitz und setzte sich neben ihn.

Seine Haut kribbelte. Ein heißkalter Schauer lief ihm über den Rücken. Er glaubte, ihm würde warm. Natürlich war das Unsinn.

Ihre Hand lag nun auf der Armlehne zwischen ihnen. 'Eine Aufforderung?', überlegte er, schob dann alle Zweifel beseite und seine Finger zwischen ihre. Seltsam kühl fühlte sich ihre Hand an. "Ist Dir kalt?", fragte er und setzte in einem Anflug von Schuldgefühl hinzu: "Ich kann das Fenster gerne schließen."
Sie schüttelte den Kopf. "Nein, mir ist nicht kalt", beschwichtigte sie ihn mit ihrer sanften Stimme. "Ich saß eben in diesem Abteil, da war mir so schrecklich heiß. Hier ist es angenehm."

Beruhigt griff Theoderich nun mit der rechten Hand nach der ihren und umschlang mit dem linken Arm ihre Schulter. Er begann, ihren Rücken zu streicheln, fuhr auf ihren Schulterblättern herum und tastete sich langsam voran nach unten, das Rückgrat hinab, dass es sie erzittern ließ.
Sie schüttelte sich und sah ihn gespielt vorwurfsvoll an: "nicht kitzeln!"
Davon ließ er sich jedoch nicht beirren und legte seine flache Hand wieder zwischen ihre Schulterblätter. Er glitt diesmal behutsamer ihren halben Rücken stetig hinauf und hinab.
Energisch klappte sie die Armlehne zwischen ihnen hoch und zog ihn mit der ganzen Kraft ihres linken Arms enger an sich. Sie lagen nun halb auf den Sitzen. Ihre Augen schlossen sich und ihre Lippen berührten einander zu einem schmatzenden Kuss.

Während dieser immer noch nicht enden wollte - und er bemerkte kaum, dass ihre Lippen den süßlichen Geschmack von Blut trugen - umschlang auch er sie enger und streichelte sanft weiter ihren Rücken. Schon traute er sich wieder, auch in die unteren Bereiche ihres Rückens vorzudringen. Wieder griff er ein wenig fester. Da ertastete seine Hand eine merkliche Unebenheit in der Gegend ihrer Lendenwirbelsäule. Es fühlte sich an wie eine Vertiefung, und er glaubte, etwas feuchtkaltes zu spüren - wie ein Loch. Doch da er sie nicht wieder nach ihrem Wohlbefinden fragen und schon gar nicht den Kuss unterbrechen wollte, machte er sie nicht darauf aufmerksam und umfasste sie nun mit beiden Händen.

Noch zwei Stunden später lagen sie eng umschlungen auf den Sitzen, als der Zugchef den Hauptbahnhof Osnabrück ankündigte.
"Du, ich muss gehen", bedauerte Theoderich. "Fährst Du noch weiter?"
- "Ja, ich fahre noch bis Luxemburg", entgegnete sie. "Wir sehen uns doch wieder?"
- "Das will ich doch schwer hoffen!", meinte er bestimmt und zog seine Visitenkarte. "Melde dich einfach - so schnell wie möglich!"

Sie gaben sich einen Kuss zum Abschied, er wischte ihr eine Träne aus den traurig blickenden Augen, betrachtete ihr Gesicht, das im fahlen Schein des Vollmonds weiß zu leuchten schien, küsste sie dann nochmal unter ihren kastanienbraunen Haaransatz und verließ das Abteil, verließ den Zug.

"Verehrte Fahrgäste des Interregio 2539 von Saarbrücken zur Weiterfahrt nach Bremerhaven-Lehe", tönte es aus den Bahnhofslautsprechern. "Willkommen in Osnabrück. Sie haben Anschluss an eine Regionalbahn nach Rheine über Ibbenbüren...."

Leise ein Liedchen summend, "ich fand das ganz große Glück mit dir im Zug nach Osnabrück", kam er in die Bahnhofshalle. Auf dem großen Fernsehbildschirm, der über der Halle thronte, und dessen überdimensionale Ausmaße auch ihm einen Blick erlaubten, liefen die Spätnachrichten der "Tagesthemen".
Er erschrak, als er das Bild seiner Mitfahrerin erkannte. "Eine 23jährige Studentin aus Koblenz", berichtete der Sprecher mit gewohnt nüchterner Miene, "wurde wurde heute abend gegen sechs Uhr Opfer eines Mordes. Angeblich, weil es ihr im Abteil der Regionalbahn Koblenz-Luxemburg zu heiß war und sie eine Öffnung des Fensters verlangte, erstachen sie die mutmaßlichen Täter -ersten Ermittlungen zufolge- von hinten und warfen sie aus dem Fenster. Ein zuerst abgegebenes Geständnis wiederriefen sie. Die Leiche wurde sichergestellt."

Theoderich lauschte entsetzt dem Nachrichtensprecher und bemühte sich, eine Ausgabe der Abendzeitung zu erhalten. Als er dort die Nachricht -obwohl kurz- vorfand und schwarz auf weiß las, wurde ihm erst richtig bewusst, was geschehen war.

Er verließ die Halle und wandelte sinnierend durch die Baustellen am Bahnhofsgelände. Dann zuckte er mit den Achseln, breitete die Arme unter dem Umhang aus und flog davon.


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