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Eingeäschert.

Aus dem Tagebuch des G. von Gron

Dienstag, 6. November 1860

Heute hat mir Herr Feilscher, der Makler das Haus und den Garten gezeigt.
Ein seltsames Grundstück, muß ich schon sagen. Es habe einmal einem Ehepaar gehört. Sie hätten es sich bauen lassen und seien wenige Tage später wieder ausgezogen. Dann habe es ein Vierteljahrhundert leergestanden. Sie hätten jahrelang versucht, das Haus zu verkaufen, aber es habe nie geklappt. Es ist ziemlich preiswert, für ein Haus, nein: eine Villa dieser Größe und Ausstattung mit Möbeln und Garten.

Der Garten allerdings ist verwildert, das kniehohe Gras müßte mal geschnitten werden, und im Haus sieht man, wenn man sich durch die unzähligen Spinnweben hindurchgekämpft hat, fingerdicken Staub auf den eigentlich schönen Möbeln. Viele Zimmer befinden sich im Haus: Das große Wohnzimmer mit den zwei Sofas und dem Sessel (wahrscheinlich hat das Ehepaar mit viel Nachwuchs oder Besuch gerechnet), das Schlafzimmer mit Doppelbett und Schminktisch, Kleiderschrank und Kommode, im Keller einige mannsgroße Kisten (weiß Gott, wozu die gut sind) und ein Schrank mit (leider) leeren Marmeladengläsern, eine Dachstube mit einem Schreibtisch und, ebenfalls unter dem Dach, eine Bibliothek mit unzähligen staubbedeckten Büchern, Lexika, Büchern berühmter Dichter, auch ein Buch von mir: "Spuk aller Art", der Geisterführer, den ich schon vor langer Zeit geschrieben habe, Atlanten, einige Bibelauszüge und vieles andere. Auch eine Küche mit Töpfen ist im Keller. Leider konnte ich mir nicht alle Räume ansehen. Diese Bücher werden mir bestimmt nützlich sein, wenn ich mein neues Werk verfasse.

Vom Schlafzimmer aus kann ich die Hecke sehen, welche einen kleinen Teil des Gartens vom restlichen trennt. Durch einen Spalt in der Hecke, durch den ich mich gerade noch hindurch quetschen kann, gelange ich in eine Art unbedachte Laube, die ungefährt die Hälfte des Gartenteils in Anspruch nimmt.

"Warum ist dieser Gartenteil vom restlichen abgeschnitten?" fragte ich Herrn Feilscher.
"Das weiß ich auch nicht, da müßt Ihr die Familie von Myter fragen", antwortete der, "sie haben das Haus bauen lassen."

Trotz dieser ungeklärten Umstände bin ich zum Entschluß gekommen, das Grundstück samt Haus, Garten und Möbeln zu kaufen. Ich könne schon nächste Woche einziehen, wenn das Haus von Spinnweben und Staub befreit worden ist.

Dienstag, 13. November 1860

Er hatte Recht. Heute zog ich mit Erna, meiner Köchin, Johann, meinem Diener, und Maria, meinem Hausmädchen ein. Eine Woche lang haben wir das Haus von Staub und sonstigem Schmutz befreit, und nun sind wir erleichter, daß wir fertig sind. Endlich hat jeder der Bediensteten ein Zimmer. Und besonders Erna freut sich über die große Küche. Sie hat heute schon angefangen, die leeren Einmachgläser zu füllen, teils mit eingemachten Früchten der vielen Obstbäume im Garten, teils mit Marmelade (sie kocht wirklich ausgezeichnete Marmelade).

Wir alle freuen uns, daß wir endlich aus dem Familienschloß meines Bruders heraus sind. Die Bibliothek ist auch um einige Bücher, einige meiner Bücher, reicher. Zum Tee hatten wir Familie Myter und Herrn Feilscher eingeladen, doch nur der Makler kam. Anscheinend meinten sie es ernst, als sie sagten, sie würden um keinen Preis je wieder dieses Spukhaus betreten, was meine, noch nicht gestellte Frage über das fluchtartige Verlassen des Hauses beantwortete.

"Alle abergläubisch in diesem Kaff", lachte Feilscher und schlürfte seinen Tee.
"Aber ein Spukhaus kann mir ja nur nützen, von wegen Inspiration und so." Ich trank meine Tasse leer. Mein Blick schweifte in Richtung Tür. Erna war nicht in Sicht, ein Glück. Hätte sie das gehört, müßte ich wohl nach einer neuen Köchin Ausschau halten.

Mittwoch, 14. November 1860

Eine seltsame Nacht war das. Ein seltsames Geräusch, nein: seltsame Geräusche weckten mich. Ich stand auf und ging an das Fenster. Durch die Lücke in der Hecke sah ich Licht, ein bläuliches Licht, und ich hörte Stimmen, metallische Stimmen. Eine geisterhafte Erscheinung, vielleicht war es ja eine, sollte mich eigentlich nicht erschrecken, doch etwas Furcht überkam mich schon. Ich ging zurück ins Bett und schlief weiter.

Dem wollte ich natürlich, wie es mein Forschergeist verlangte, nachgehen. Gleich am Morgen ging ich in die städtische Bibliothek (daß es hier sowas überhaupt gibt!). Es dauerte lange, bis der Bibliothekar eine Karte des Ortes von 1830 gefunden hatte. Ich betrachtete sie und suchte die Stelle, an der nun mein Haus steht, in der Hoffnung, etwas zu finden, das mir die Ursache des Spuks geben sollte. Auf das Ergebnis hätte ich auch selber kommen können: Ein Friedhof! Das Grundstück war einmal ein Friedhof! Und der von der Hecke abgetrennte Teil des Gartes war der Teil für die zum Tode verurteilten Verbrecher und die Selbstmörder.
Ich bedankte mich bei dem Bibliothekar und ging.

'Verbrecher und Selbstmörder', dachte ich auf dem Rückweg, 'da habe ich mir etwas eingehandelt. Werden nicht Verbrecher zu Geistern und Selbstmörder zu Vampiren? Keine Frage!'
Ich bin bestimmt nicht abergläubisch, doch sicher ist sicher. Das, was ich nachts gesehen und auf der Karte gesehen habe, geht unter die Haut. Gut, daß heute Markttag ist. Bei Vampiren hilft Knoblauch, um ein Kreuz gewickelt, am besten. Holzpflöcke gab es leider nicht, die habe ich mir später selber gemacht. Hirse kann auch nützlich sein, um Vampire aufzuhalten.

Zu Hause bereitete ich alles für eine Vampirjagd vor. Ein paar Kreuze fand ich in der Dachkammer. In jedes Zimmer gehörte eines über das Bett, mit Knoblacuh umwickelt. Das Säckchen, nein: der Sack Hirse wird mir später noch nützlich sein.

Donnerstag, 15. November 1860

Heute ist der Tag der Vampirjagd. Am Morgen ging ich zum Notar, um mein Testament zu machen, schließlich kann es mein letzter Tag sein. Ich werde nicht zulassen, daß in diesem Fall mein Bruder, der uns -mir und meinen Bediensteten- das Leben im Schloß zur Hölle machte, mein Erbe sein soll. Ich werde meinen Besitz seinem Sohn Ernst, meinem Patenkind, vererben. Er darf jedoch nie das Haus betreten, das setzte ich als Klausel fest.

Als ich nach Hause kam, fand ich drei Abschiedsbriefe. Meine abergläubischen Hausgenossen waren getürmt und wollten nicht einmal ihr Monatsgehalt haben. Nun, es ist ganz gut so. Ich werde sie zurückholen, falls mein Unternehmen gelingt. Es muß einfach gelingen.
- Ich schreibe diesen Tagebucheintrag um 8 Uhr abends. Ich schreibe das, weil ich gedenke, später wieder einen zu machen.

Es ist 12 Uhr - Mitternacht. Die Kisten im Keller sind nicht besetzt, obwohl ich dachte, es wären die Vampirsärge. Im Garten konnte ich auch keine Särge finden, also sind die Hirsekörner wertlos. Findet ein Vampir in seinem Sarg nämlich welche vor, so verläßt er seinen Schlafplatz nicht, bevor er alle Körner gezählt hat.
Nun sitze ich hier, mit Holzpflöcken, Knoblauch und einem Kreuz bewaffnet, an der Lücke der Hecke und warte darauf, daß sich die Gräber, oder was sie sonst sind, öffnen und die Vampire hinauskommen. Ich trage jedes Geschehen gleich in mein Tagebuch ein, nur für den Fall.
Da! Da regt sich was in der Laube! Eine schwere Steinplatte wird, wahrscheinlich von unten bewegt - zur Seite geschoben. Ich weiche etwas zurück. Blauweiße Lichter entschweben dem Loch, das sich unter der Platte, der Grabplatte, verbarg. Daß ich darauf nicht gekommen bin! Nun steigen die Vampire, es sind drei, aus dem Loch, der Gruft. Der erste breitet die Arme aus, verwandelt sich in eine Fledermaus und fliegt weg. Der nächste fliegt immer ebenso. Es ist faszinierend! Der dritte zögert - und fliegt. Ich halte lieber schonmal die Holzpflöcke und den Knoblauch bereit. Ob noch einer kommt? Was ist das für ein Gepiepe neben mir?

Es war eine Fledermaus - ich hatte gar nicht bemerkt, wie sie kam. Meine böse Vorahnung bestätigte sich - es war ein Vampir, wie ich es wenig später merkte, als er sich zurückverwandelte. Ehe ich mich versah, waren auch die anderen zwei zurück. Alle drei Vampire waren nun da - bei mir.
Eigentlich wollte ich es ja so, doch eigentlich hatte ich es mir so vorgestellt, daß ich am längeren Hebel sitze. In der Hoffnung, es würde etwas bringen, und in Verzweiflung schleuderte ich die Hirse auf sie.
Die Vampire stutzten, den Blick auf die Hirse fixiert. Ich zitterte am ganzen Leib. 'Nun macht schon!' dachte ich. Und wirklich - die Vampire knieten sich auf die Erde und - fingen an zu zählen. Ich war erleichter, hoffte aber trotzdem, daß sie sich verzählen würden und noch einmal von vorne anfangen müßten. Obwohl das nicht geschah, Vampire müssen Rechenkünstler sein, hatte ich genug Zeit, den Knoblauch um das Kreuz zu winden und es, das Kreuz, in den Boden zu rammen. Des Boden war locker.

Zwei der Vampire hatten das Zählen schon beendet, starrten mich an. Ich ging hinter das Kreuz - die Vampire erstarrten. Auch der letzte hatte inzwischen aufgehört zu zählen. Immer noch gebückt, verdeckten die Vampire ihre Herzen, so daß ich unmöglich mit den Holzpflöcken zustechen konnte.

'Ob das auch ginge, wenn ich ihnen in den Rücken stäche?' fragte ich mich. Ich mußte es versuchen! Also ging ich hinter die Vampire und stach den Linken dahin, wo sein Herz sein mußte. Es zischte, es qualmte. Nun sah ich das, was ich in vielen Vampirbüchern gelesen hatte und auch in eigenen Büchern geschrieben, doch noch nie selbst erlebt hatte: Der Vampir - eben noch ein junger Mann - wurde in Sekundenschnelle älter, dann trat seine Verwesung ein, bis ich nur noch ein Skelett vor mir hatte, das zu Asche zerfiel. Ich blickte auf das Kreuz. Es neigte sich im lockeren Sand nach rechts, aber nur ein wenig. Trotzdem mußte ich mich beeilen. Dem zweiten steckte ich ebenfalls den Pflock durchs Herz, wartete doch diesmal nicht seinen Aschezustand ab, sondern ging gleich zum nächsten über. Eben wollte ich, den Pflock angesetzt, ihm den Todesstoß versetzen, da spürte ich einen Widerstand, dieser Vampir hatte zähes Fleisch. Ich drückte mit aller meiner Kraft, das Kreuz neigte sich weiter, und schaffte es. Der Pflock war durch! Und 'Plumps' fiel das Kreuz auch auf die weiche Erde. Einmal schrie der Vampir noch, dann war es um ihn geschehen: Wenig später bedeckte auch seine Asche den schwarzen Boden des Gartens.

Ich schob die Aschehäufchen mit der Hand zusammen, wobei mich die Hirse etwas hinderte, und die Asche flog mit dem Wind.


© 1992 by Peter Felix Schuster, kommerzielle Nutzung untersagt. Veröffentlichung und Verbreitung vorbehalten. Diese gruselige Kurzgeschichte darf nur mit Nennung des Autors Peter Schuster und nach Rücksprache mit ihm - unentgeltlich und unverändert - vertrieben werden. HTML-Version © 2000-2008 by Peter Schuster. Kommentare höchst erwünscht per E-Mail. Originaladresse dieser Seite im Netz: http://www.mondratte.de/asche.htm.

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